18. Dezember 1927, Berlin: Im Berliner Lokal-Anzeiger
erscheint eine unscheinbare Anzeige mit dem etwas merkwürdigem Text: „ Achtung.
Selten. Tenor, Baß (Berufssänger, nicht über 25), sehr musikalisch, schönklingenden
Stimmen, für einzig dastehendes Ensemble unter Angabe der täglich verfügbaren
Zeit gesucht. Ej. 25 Scherlfiliale, Friedrichstr. 136 “.
So unscheinbar dieser Text uns heute auch vorkommen mag,
damals, zur Zeit der Weltwirtschaftskrise meldeten sich über 70 Menschen bei
dem Inserenten, dem 21jährigen Harry Frommermann.
Dieser war ebenfalls ziemlich am Ende. Zwar war er durch
den Vater, den Gründer eines Privatkonservatoriums für angehende Kantoren, früh
an die klassische Musik gewöhnt, doch fehlte im die Möglichkeit, davon zu
leben. Denn leider hatte er neben der Musikalität nicht auch die Stimme des
Vaters geerbt. So versuchte er sich mit seinem komödiantischem Talent als
Schauspieler durchzuschlagen und seinen Traum zu verwirklichen. Sein Traum –
das war ein Gesangsensemble im Stile der amerikanischen Revelers. Diese feierten
momentan ihre grössten Erfolge.
Der einzige Sänger, der sich auf die Anzeige hin meldete
und für Frommermann akzeptal war, war der Bass Robert „Bob“ Biberti. Dieser
verstand sofort, was Harry Frommermann vorschwebte und war begeistert. Biberti
hatte zwar, wie Frommermann, keine akademische Ausbildung. Durch seine Eltern
– beide Berufsmusiker – war er aber soweit ausgebildet, um in der Lage zu
sein, sich seinen Lebensunterhalt als Chorsänger zu verdienen. Er brachte dann
auch den 1. Tenor, Asparuch „Ari“ Leschnikoff zu dem sich formierenden
Ensemble. Dieser, wie Biberti zu der Zeit im Chor des Schauspielhauses Berlin tätig,
war 1922 aus Bulgarien nach Deutschland gekommen. Bereits dort studierte
er bei einem Opernsänger, seine Ausbildung setzte er dann in Deutschland fort.
Er konnte das e über dem hohen c singen, ohne ins Falsett
wechseln zu müssen. Zwar war seine Stimme nicht für einen Solisten geeignet
– dafür war sie zu dünn – doch für das Ensemble war sie hervorragend.
Die anderen beiden Sänger, der Bariton Theodor Steiner und
der 2. Tenor Walter Nussbaum, mit denen man begann zu proben, wurden schon bald
ausgetauscht. Schon sehr bald wurde auch klar, dass die Sänger zur Unterstützung
einen begleitenden Pianisten brauchen würden. Ari Leschnikoff vermittelte der
Gruppe bald den Musikstudenten Erwin Bootz. Bootz, finanziell durch seine
Familie sehr unabhängig (das wirkte sich auch auf seine laxe Arbeitsmoral aus),
fiel schon früh durch seine Musikalität auf. Neben seiner akademischen
Ausbildung hatte er bereits Erfahrungen im Variéte gemacht und war so in der
Lage, sich vollkommen in die Gruppe einzuordnen – was bedeutete, sein eigenes
Spiel dem Gesang total unterzuordnen.
Er war es, der 1929 den neuen 2. Tenor, Erich Collin,
vorschlug. Kennengelernt hatten die beiden sich an der Musikhochschule, wo
Collin Violine und Gesang studierte. Collin, wie Bootz aus groß-bürgerlichen
Verhältnissen stammend, war eine Ideal-Besetzung: Seine flache Stimme störte
den 1. Tenor nicht, doch dank seiner musikalischen Kultur brachte er die
Sicherheit mit, dem Akkordaufbau zu dienen.
Der Bariton Roman Cycowski war wie Biberti und Leschnikoff
1927 im Chor des Schauspielhauses tätig gewesen. Er war nach seiner Ausbildung
zum Rabbiner und Kantor in Polen 1920 nach Deutschland geflohen, wo er an
verschiedenen Stadttheatern Engagements als lyrischer Bariton bekam. Er ersetzte
im Mai 1928 Theodor Steiner bei den Comedian Harmonists, die sich zu dieser Zeit
freilich noch „Melody Makers“ nannten. Nach verschiedenen Auftritten, meist
in Revuen und musikalischen Kabaretts seit August 1929 brachte das erste abendfüllende
Programm der Gruppe endlich den großen Durchbruch. Im Januar 1930 trampelte und
schrie das Leipziger Publikum ob der neuartigen Musik. In der Folgezeit kamen
Plattenaufnahmen und auch das Mitwirken bei verschiedenen Filmen. 1932 schliesslich,
am 21. Januar eroberten die Comedian Harmonists die Berliner Philharmonie –
sie waren die erste Gruppen, die dort Schlager vortrug ! Dieser Auftritt im
„Tempel der hohen Kunst“ hatte noch den angenehmen Nebeneffekt, dass die
Gruppe damit bewiesen hatte, dass sie künstlerisch wertvoll war und nun den
begehrten „Kunstschein“ bekam. Im Folgejahr absolvierten die Comedian
Harmonists eine große Europatournee und konnten ihre Erfolge auch im Ausland
fortsetzen.
1934, am 13. März, dann das Aus: Nur mittels einer Sondergenehmigung dürfen die
Comedian Harmonists ihr letztes Konzert im München
geben. Nicht-Ariern (drei von ihnen waren Juden) durften laut eines Erlassen von
Joseph Goebbels vom 5.03.1934 nicht mehr öffentlich auftreten. Nach einer
Sommertournee in die USA erfolgte am 11. Februar 1935 dann das endgültige
Verbot der Gruppe. Am 1. März 1935 machten sie zusammen noch eine letzte,
illegale Aufnahme für die Electrola. Am 10. März verließen
Harry Frommermann und Erwin Bootz, wenige Tage später auch Roman Cycowski Deutschland.

Beide Teile versuchten, neue Ensembles aufzubauen. Dies gelang jedoch nur
teilweise – an die großen Erfolge konnten beide nicht mehr anknüpfen.
Quellen:
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