Kehlkopfattacken der humorvollen Art

Kleinkunst - „Comedian Sixpack" entführen das Publikum im Tectum zu einer mitreißenden „Spargel-Safari"

VON MICHAEL LANG

ERBACH. Was für ein Spaß: Da kommen sechs junge Männer daher, kidnappen 160 Besucher und nehmen diese mit auf eine „Spargel-Safari". Den Entführten macht die abgedrehte Reise um den Globus auch noch Freude. Unkontrolliertes Quieken und Johlen, verbunden mit einem masochisti-schem Händeklatschen in stakka-toartiger Frequenz, setzen dem turbulenten Treiben die königliche Krone des ungezügelten Frohsinns auf.

Wer so etwas tut auf der beschaulichen Kleinkunstbühne des Tectums? Comedian Sixpack waren es, die am Sonntag die erhitzten Gemüter zum Überkochen brachten. Sechs gestandene junge Männer, alle mit reichlieh Gesangs- und Musikerfahrung, haben sich dem a capella Gesang verschworen. Ihre Vorbilder sind die legendären Comedian Harmonists. Oft kopiert, doch von professionellen Laien kaum jemals so perfekt und authentisch inszeniert. Beeindruckend, wie der Se-ligenstädter Steffen Bodensohn sicher den tiefen Bass beherrscht. Seil 2002 studiert er in Frankfurt Musik. So tief wie Robert Bibern', das Original, kam er allerdings nicht. Das gab's nur einmal, das kommt nicht wieder. Schon eingangs war der weiche und gedämpfte Charakter im ausgeprägten Stimmvolumen der Sänger hörbar.

Und das war das Schöne am Konzert: Wenn auch die Arrangements individuell gesetzt waren, so ging die Verfremdung nie so weit, dass man raten musste, was denn da gesungen wird. Treue zum Original hat eben auch ihre Vorteile. Goldkehlchen Volker Hartmann aus Höchst kam als Erster Tenor beinahe in die schwindelnden Höhen des unvergessenen Ari Leschnikoff. Hartmann hatte übrigens die zündende Idee zur Gründung der viel versprechenden Truppe. Was zu-nächst komisch gemeint war, scheint gute Chancen zu haben: Die Jungs bezeichneten sich als „aufgehenden Stern am a capella Himmel.“ Begleitet am Klavier wurden die Künstler von „piano-man" Matthias Mader, der als versierter Tastenmann und viel beschäftigter Organist quasi blind über die schwarz-weißen Stäbchen wandelt. Die Finger wissen eben, wo sie hingehören. Vom beeindruckenden Gesang ganz zu schweigen, bewiesen die sechs humorigen Herren auch in der Choreografie und bei der Kostümwahl erlesene Kenntnisse: exakt bedachte Gesten in harmonischem Miteinander entpuppten sich für das Publikum auch zu einem visuellen Genuss.

An eine akute Kehlkopfattacke verbunden mit irreversibler Verkrampfung des Schluckmuskels musste man denken, als der bassige Bodensohn „Mä...änner" von ´ Grönemeyer interpretierte. Ja, auch Aktuelles war dabei. Als Seemänner „Das ist die Liebe der Matrosen“ und als Toreros „Schöne Isabella von Kastilien“ kamen die bezaubernden Buben daher. Christoph Kabrhel, der nebenbei auch noch jazzt und wie der Zweite Tenor Christoph Fuchs der erfolgreichen Rock-Pop Cover-Band „Gone Stupid" angehört, ist der „warme" Bariton des Sextetts. Als Dritter Tenor behauptet sich Simon Nuß, dem übrigens irgendwie der Charme der dreißiger Jahre ins Gesicht geschrieben steht. ´ Apropos stehen: Die gelegentlichen Anspielungen auf den Spargel, ob als ausufernder Vortrag oder als kleine Randbemerkung eingebaut, hatte ganz gewollt männlichen Charakter.

Immer wieder hoben die Sangesbrüder auf den possierlichen Stängel ab. Was lange wächst, wird endlich gut. Und so blickten die Sixpacks auch in die Schlafzimmer der Deutschen und schauten nach dem Rechten, gratulierten und jubilierten, präsentierten einen hervorragenden Rhythm & Schmus.

Und als ein städtischer Bediensteter den tenorigen Fuchs wegen seines falsch geparkten Wagens von der Bühne hohe, kam dieser postwendend als langnasige Hexe wieder herein. Es folgte: „Kannst Du pfeifen, Johanna?" Natürlich konnte sie das! So ging denn auch nicht nur ein Lied um die Welt bei der „Spargel-Safari". In viele Gegenden des Globus führte die Reise: Sonja tanzte russisch und Elvis intonierte „Love me tender“. Ganz in der Tradition ihrer Vorbilder sangen sie zum Abschluss feierlich: „Gib mir den letzten Abschiedskuss, weil ich Dich heut verlassen muss. Und sage mir auf Wiedersehn, leb wohl !“

Dieses Lied bedeutete denn auch auf einem Konzert der Co-median Harmonists in Nürnberg das jähe Ende: Sie wurden vom Nazi-Regime verboten. Den jungen Künstlern von „Comedian Sixpack" kann man nur viele weitere Auftritte und ein maßvolles aber stetiges Aufsteigen auf der Karriereleiter wünschen.

Odenwälder Echo, 8.12.2005